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05.09.06

Reisebericht von Tobias Kaul

Tobias Kaul„Am wichtigsten war für mich, mehr über die Zeit unter Ceausescu zu hören, von der ich schon einiges wusste, mir vieles aber neu war, zum Beispiel die Rolle seiner Frau und die mediale Beeinflussung über Bücher, die sie angeblich geschrieben haben soll, obwohl sie Analphabetin war.“

Sommercamp in Turia 2006

Im Sommer 2006 beendete ich meine Ausbildung zum Sozialassistenten. Fünfzehn Prüfungen waren in kürzester Zeit zu absolvieren und nur diese Prüfungsergebnisse zählten. So habe ich mir den Sommer freigehalten. Eigentlich wollte ich dieses Jahr mit nach Rumänien in das Camp fahren, aber die Anmeldefrist endete, bevor meine Prüfungen begonnen hatten. Und da ich nicht ausschließen konnte, dass ich zu einem Prüfungstermin verhindert wäre und diesen zu einem späteren Zeitpunkt nachholen muss, ließ ich die Anmeldefrist verstreichen. Viele meiner Freunde haben an dem Camp in Turia schon teilgenommen und sind begeistert wiedergekommen. Einige haben ein freiwilliges Jahr in Kereztur absolviert und sind sogar länger geblieben.

Nachdem meine Prüfungen beendet waren, traf ich Rüdiger bei einer Hochzeit und erzählte ihm dass ich gern in das Camp fahren wollte, mir es jedoch nicht möglich war mich rechtzeitig verbindlich anzumelden. In dem Gespräch ließ er mich wissen dass durch kurzfristige Änderungen noch zwei Plätze frei wären und ich mich noch anmelden könnte. Dies tat ich auch, und so fuhr ich mit.

Ich hatte schon viel von dem Camp gehört und viele Bilder gesehen, so dass ich erwartete viele neue Leute auch in Rumänien kennen zu lernen. Auch die Lebensweise der Leute dort und besonders interessierte mich, was haben die Kinderheimkinder für Träume und welche Möglichkeiten für ihre Zukunftsgestaltung. Als wir nach langer Fahrt in Kereztur ankamen, war es schon spät am Abend. Ein paar Kinderheimkinder erwarteten uns ebenso wie ein Abendbrot, was extra für uns bereitet wurde, und schon lange fertig war. Ich versuchte während der Fahrt und am Abend in Kereztur viele der deutschen Teilnehmer kennen zu lernen. Am nächsten Tag fuhren wir nach Turia. An den Straßen, den Häusern, und vielen Autofracks am Straßenrand sowie an der Kleidung der Leute und den Pferdegespannen merkte man, dass es die Leute sicherlich nicht einfach haben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sehr grotesk wirkt es dann wenn man in diesem Umfeld ab und an von einem teuren Auto der Marke Volvo oder BMW mit rumänischem Kennzeichen überholt wird. Das zeigt einem aber auch, dass die Schere zwischen Arm und Reich weit auseinander geht und lässt vermuten, dass viele der Geldbesitzenden offenbar keinen Blick für die Armut in ihrer Umgebung haben, oder haben wollen.

Als wir auf dem Zeltplatz angekommen waren, machten wir uns erst einmal Gedanken, wo wir die Zelte aufschlagen, und wie das Lager zum Schluss aussehen sollte.

Die Ungarischen Jugendlichen waren auch schon angekommen. Nachdem von Jedem das eigene Zelt stand, trafen sich die Deutschen in einem extra Zelt, in dem die Aufgaben, die nun anstanden, genannt und verteilt wurden. Auch die rumänischen Ungarn taten dies, und so stand binnen kurzer Zeit tatsächlich eine kleine Zeltstadt. Einige der ungarischen Jugendlichen bauten sich Tische und Bänke, und wenn sie nicht weiterkamen, holten sie sich Hilfe von den älteren deutschen Teilnehmern. Die ersten Tage war es nicht so einfach intensiveren Kontakt zu den ungarischen Jugendlichen aufzubauen, was sicherlich dem intensiven Aufbauarbeiten sowie der Sprachbarriere geschuldet war. Auch die Art der Kontaktaufnahme ist ein wenig ungewohnt und wirkte auf manche deutsche Jugendliche abschreckend. Doch auf der ersten gemeinsamen Unternehmung, auf der wir Hirten besucht haben, brach auch das Eis. Am ersten Morgen war ich sehr überrascht. Als zum Morgenkreis gerufen wurde, kamen sofort alle ungarischen Jugendlichen zum Sammelpunkt. Während die Deutschen sich zum größten Teil noch um ihre Sachen kümmerten und erst mehrere Minuten danach am Treffpunkt waren. Bisher dachte ich die Deutschen sind pünktlich.

Ich glaube, auch daran hat man gesehen, wie wichtig es für die ungarischen Jugendlichen ist, an diesem Camp teilnehmen zu dürfen. Wie ich in Gesprächen feststellte, wird vorher eine genaue Auslese getroffen, wer von den ungarischen Jugendlichen mit in das Camp fahren darf, was auch erklärte, das sich für unbeliebte, aber wichtige Arbeiten, wie z.B. das „Betreuen“ der Toiletten, Jemand fand, der seine „kleine Aufgabe“ zuverlässig erfüllte. Ich habe versucht die Entstehung des Camps sowie das besondere Flair, was das Miteinander hatte, auf Fotos zu dokumentieren. Außerdem verkaufte ich Getränke an Jeden, der auch mal was Anderes außer Quellwasser, was extra in großen Kanistern geholt werden musste, trinken wollte, und war einer von vielen Busfahrern.

Was ich sehr interessant und wichtig fand, ist, dass wir an Seminaren teilnehmen konnten. Am Wichtigsten war für mich, mehr über die Zeit unter Ceausescu zu hören, von der ich schon Einiges wusste, mir Vieles aber Neu war, z. B. die Rolle seiner Frau und die mediale Beeinflussung über Bücher, die sie angeblich geschrieben haben soll, obwohl sie Analphabetin war. Ebenso interessant war, es zu erfahren, wie über Deutsche in Rumänien gedacht wird und welche Vorurteile es gibt. Außerdem war es auch interessant, über die Parteienstruktur und Ambitionen der Rumänen in der EU zu erfahren. Gut fand ich dass dort zwei Regionalpolitiker eingeladen waren, die zur Lage Rumäniens gesprochen haben.

Im Gespräch mit einzelnen rumänisch-ungarischen Jugendlichen merkt man, dass sie schon Pläne für ihre Zukunft haben, nur Viele nicht wissen, was sie nach der Schule machen werden. Sie würden gern in eine eigene Wohnung ziehen, wobei kein Deutscher je auf den Gedanken kommen würde, in die heruntergekommenen Wohnungen, die es dort gibt, ziehen zu wollen. Viele lernen Textilprofil, das ist so was wie Näher, und hoffen, im textilen Bereich Arbeit zu bekommen. Ich empfand die Zeit als sehr intensiv und als wichtige Erfahrung. Jeder sollte an diesem Camp mal teilgenommen haben und sich darauf einlassen. Es verändert auf jeden Fall die Sichtweise auf unsere Gesellschaft. Das Programm fand ich sehr vielseitig, ohne dass es überladen war.

Für die deutsche Gruppe wäre ein Tag mehr Zeit zur Selbstfindung von Vorteil gewesen.

Tobias Kaul

Veröffentlicht am 05.09.06 18:12