« Reisebericht von Sophia Liehn | Startseite | Reisebericht von Philipp Richter »
03.09.06
Reisebericht von Gerd Baumann
„Besonders berührend war für mich ein intensives Gespräch mit Öcsi, einem Roma, den seine Eltern im Kinderheim abgegeben haben, (›im Schlafraum waren wir 53, immer 3 in einem Bett‹)“
Eindrücke vom Jugendcamp der Sächsischen Jugendstiftung mit ungarisch-rumänischen, deutschen und Romajugendlichen in Torja/Rumänien
Ich bin 47 Jahre alt und habe am Camp als Fahrer und Betreuer (Bau einer Schwitzhütte und Didgeridookurs) teilgenommen. In den 70er und 80er Jahren war ich sehr oft in Rumänien und deshalb besonders interessiert an den Veränderungen an Land und Leuten 17 Jahre nach der „rumänischen Wende“.
Das Land hat ist kaum wiederzuerkennen, Städte und Dörfer sind in einem überraschend gut renovierten freundlichen Zustand. Auch die Tristesse der Ceaucescuzeit war in den Gesichtern nicht mehr zu entdecken . Sehr erfreulich für mich war dann auch die Erkenntnis, dass sowohl bei den Roma als auch bei den rumänischen Jugendlichen der ungarischen Minderheit das Wissen um die jüngere Geschichte vorhanden ist, der diktatorische Charakter des Ceaucescuregimes abgelehnt wird und Toleranz und Freiheit einen hohen Stellenwert besitzen (Seminar zu Ceaucescu). Meiner Beobachtung nach gab es in diesem Punkt auch kaum Differenzen zwischen allen beteiligten Jugendlichen.
Für mich gab es genügend Gelegenheit, wie beim gemeinsamen Aufbau des Camps, den Seminaren, Projektangeboten und sportlichen Betätigungen mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Interessant waren hierbei die Erwartungen, welche an den Beitritt Rumäniens in die europäische Union geknüpft werden. So steht einer gewissen Skepsis, die Preisstabilität betreffend, die große Hoffnung und der Stolz gegenüber, gleichwertiges Mitglied der EU zu werden. Der positiv-beschleunigende Einfluß der Vorgaben aus Brüssel auf die rumänische Gesetzgebung wurde immer wieder hervorgehoben. Vor allem für die sich ungarisch fühlenden männlichen Jugendlichen ist z.B. die Abschaffung der Wehrpflicht ein echter Fortschritt, da es bisher keine Wehrdienstverweigerung gab und die Wehrpflicht mit diversen Tricks umgangen werden musste.
Sehr kontrovers wurde das Selbstverständnis der ungarischen Minderheit in Rumänien im Minderheitenseminar diskutiert. So weigert sich ein Teil der ungarischen Jugendlichen konsequent rumänisch zu lernen bzw. zu sprechen und lehnt z.B. den Neubau einer griechisch orthodoxen Kirche im Heimatort Keresztur kategorisch ab (es gibt in Keresztur nur 3 orthodoxe Christen - die beiden Polizisten und den Priester). Der andere Teil (meiner Meinung nach die Mehrheit) findet diesen Versuch dem „rumänischen Anspruch“ zu unterstreichen einfach nur lächerlich und sucht seinen Platz in Rumänien (fiebert zum Beispiel auch mit der rumänischen Fußballnationalmannschaft). Sehr interessant war in diesem Zusammenhang auch der Vortrag eines ungarischen Pastors zu aktuellen Themen der rumänischen Politik und der Verworrenheit der politischen Kräfte. Trotzdem hält Herr Szabo erfreulicherweise die Gestaltung der rumänischen Zivilgesellschaft für vordringlich und ist deshalb im rumänischen Parlament in Bukarest aktiv.
Besonders berührend war für mich ein intensives Gespräch mit Öcsi, einem Roma, den seine Eltern im Kinderheim abgegeben haben, („im Schlafraum waren wir 53, immer 3 in einem Bett“) der später auf der Straße lebte und dann vom Verein „Domus“ aufgenommen wurde. Jetzt ist er 26 und will im Herbst sein Abitur nachholen.
Begegnungen dieser Art hatten wohl auch viele Jugendliche im Camp, und ich glaube, dass auf diese Weise ein ganz natürliches Verständnis für die jeweils „Anderen“ entstanden ist. Der Mix aus Sport, Spiel (es wurde viel getanzt und gesungen), gemeinsamer Arbeit um das Dorf am Leben zu erhalten, Ausflügen zu Badeseen, Hirten oder deutschen Wehrkirchen, gesellschaftlichen und politischen Seminaren empfinde ich als sehr gelungen und kann somit für mich und, wie ich glaube, auch für die Jugendlichen eine sehr positive Bilanz ziehen.
Hoffentlich kann auch im nächsten Jahr wieder solch ein Camp stattfinden, insbesondere für viele der rumänischen Jugendlichen ist es wohl auch die einzige Möglichkeit Urlaub zu erleben.
Gerd Baumann
Veröffentlicht am 03.09.06 20:21



