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11.09.05

Seminarbericht: Zigeuner in Rumänien

Theresa und FabianIn Rumänien gibt es ein großes Spektrum von Zigeunergruppen mit ganz unterschiedlichen Namen. Sie leben als Minderheiten sowohl in guten als auch in weniger guten Verhältnissen mit der Mehrheitsbevölkerung Seite an Seite. Einerseits begegnen uns in bunte Trachten gekleidete, wohlhabende und sehr traditionell lebende Roma-Gruppen wie etwa die Cortorari oder Gabor, welche zum Beispiel die eigene Muttersprache Romani pflegen und zum Teil in prachtvollen Häusern entlang der Hauptstraßen ihren Reichtum präsentieren. Andererseits gibt es aber auch sehr viele durch Armut und sozialen Notstand geprägte Familien wie etwa bei den Kherutne, die aufgrund von Ausgrenzung und Diskriminierung kaum Chancen auf gute Bildung und gut bezahlte Arbeitsplätze haben. Daher wohnen sie oft in kleinen Lehmhütten in Siedlungen am Rande der Dörfer und Städte und bangen nicht selten um das tägliche Brot. Politische Zigeuneraktivisten in Rumänien haben es sehr schwer, die oft untereinander konkurrierenden und sich nur selten gegenseitig Unterstützung zubilligenden Gruppen an einen Tisch zu bekommen.

Während des Seminars
Bild: Während des Seminars

„Die haben so schöne bunte Röcke an und machen die beste Musik!“
„Zigeuner klauen!“

Die erste Frage, die wir uns zu späterer Stunde bei Kerzenlicht im Gruppenzelt stellten, betraf das Bild, welches wir von Zigeunern haben und was wir spontan am meisten mit ihnen verbinden. Die Ideen von Seiten der deutschen Camp-Teilnehmer führten von der bunten Kleidung über das freie nomadische Leben in Zelten, die Kunst des Handlesens und die wunderbare Zigeunermusik bis hin zu sozialen Problemen in einigen Regionen Osteuropas, von denen man in den deutschen Zeitungen gelesen hatte. Die ungarischen Jugendlichen berichteten dagegen von eigenen Erlebnissen, von freundschaftlichen Nachbarschaftsbeziehungen oder auch von Streitsituationen mit Zigeunerkindern auf der Straße.

Fahrende Familie
Bild: Fahrende Zigeuner-Familie

„Darf man überhaupt Zigeuner sagen?“

Franz Remmel, ein Rumänien-Deutscher, der seit Jahrzehnten engen Kontakt zu vielen Zigeunern in Rumänien pflegt und bereits vier Bücher über sie geschrieben hat, bemerkte dazu genau in der Woche vor dem Seminar, am 22. Juli in der Hermannstädter Zeitung: „Bei uns ist der Ausdruck Zigeuner nicht verpönt, in Hermannstadt hat es schon früher je eine Partei der Zigeuner und der Roma gegeben und in Neumarkt gab es die „Partei der Roma und Zigeuner“. Es ist kein abwertender Begriff, es kommt darauf an, wie viel Abwertung der Benutzer in den Begriff legt.“

Eine Minderheit mit vielen Gesichtern...

So überlegten wir alle gemeinsam, ob man all diese romantischen und sorgenvollen Bilder, die wir von Zigeunern haben, zu einem Bild zusammenfügen kann. Die unterschiedlichsten Erfahrungsberichte und Berührungspunkte vieler Teilnehmer haben dabei vor allem das Nachdenken über diese „andere“ Lebensweise hinter dem Zigeunerbild angeregt: Warum kommt es beispielsweise dazu, dass diese Minderheit aus so vielen kleineren und größeren Gruppen besteht und über so viele Länder seit vielen Jahrhunderten verstreut lebt, aber dabei immer auf soziale und wirtschaftliche Beziehungen mit den Menschen aus der jeweiligen Mehrheit angewiesen ist? Welche Bedeutung wird den Geschlechterrollen beigemessen? Welche Rolle spielen Bildungschancen und die Vielfalt der Berufe der Zigeuner in Rumänien? Und warum soll man mit 13 heiraten? ...

Noemi (Mitte) mit den Nachbarskindern
Bild: Noemi (Mitte) mit den Nachbarskindern

Die angeregten Diskussionen resultierten letztlich vor allem daraus, dass die Teilnehmer selbst aus verschiedenen Kulturkreisen kamen und sich dadurch das unterschiedliche Wissen aus Presse und Büchern mit Erlebnissen im täglichen Umgang mit Zigeunern in Rumänien vermengte. Die Sensibilisierung für dieses Thema im Rahmen des Zeltlagers war ein Versuch, durch den Erfahrungsaustausch unter den Jugendlichen das „Eigene“ und das „Fremde“ in der Auseinandersetzung mit einer so schillernden Minderheitenkultur zu hinterfragen.

Theresa und Fabian

Literaturhinweise:

Wolf Oschlies: "Romii" oder "Tsigani". Versuche über Geschichte, Gegenwart und soziale Probleme der Zigeuner Rumäniens. Bundesinstitut für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien in Köln, 1992.
Franz Remmel: Die Roma Rumäniens. Picus-Verlag in Wien, 1993.
Viorel Achim: The Roma in Romanian History. CEU Press in Budapest, 2004.

Über den Autor:

Fabian Jacobs forscht an der Universität Leipzig über Zigeuner in Rumänien und ist Mitbegründer des Forums Tsiganologische Forschung (FTF) am dortigen Institut für Ethnologie. Er promoviert derzeit über die Gruppe der Gabor in der Region Tirgu Mures im Zentrum Siebenbürgens.

Kontakt: fabianjacobs (at) gmx.de, Homepage: http://www.uni-leipzig.de/~ftf


Zigeuner-Ehepaar
Bild: Zigeuner-Ehepaar

Veröffentlicht am 11.09.05 09:45