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08.09.05
Seminarbericht „Lebensläufe“
Viele Wege führen nach Turia
Woher kommst du? Wohin wirst du gehen? Welche Erfahrungen haben dich geprägt? Was willst du in deinem Leben erreichen? All diese Fragen können so viel über die Menschen ans Licht bringen, die sie beantworten. Und doch habe ich bisher nur wenigen Menschen diese Fragen gestellt. Sicherlich deswegen, weil es irgendwie komisch wirkt, ein Gespräch etwa beim Kaffeetrinken ´mal eben in diese Richtung zu lenken.
Im Camp haben wir uns zusammengesetzt, um uns genau darüber zu unterhalten. Ob das wohl funktionieren würde? Rumänische Waisenkinder und (vergleichsweise) wohlbehütete deutsche Jugendliche in einer gemischten Gruppe mit Sprachbarriere und Übersetzern? Und ob es funktionierte! Wie so vieles andere in diesem wunderbaren Camp klappte es sogar viel besser als ich je erwartet hätte.
Einige wollten ihre Geschichte lieber nicht erzählen, aus anderen sprudelten die Wünsche und Träume nur so heraus: Aus Rumänien weggehen und eine berühmte Tänzerin werden. Oder Basketballspieler. Oder Ärztin. In der Region bleiben will kaum jemand - das gleiche Bild wie bei den deutschen Teilnehmern.
Ein Junge erzählte, dass ihn seine Mutter genau wie alle seine Geschwister ins Kinderheim gegeben hatte, weil sie zu arm war, um die Kinder zu versorgen. Sie ist für ihn die wichtigste Person in seinem Leben. Seit einem Jahr hat sie ihn nicht mehr besucht. Er hat zwar Wut auf sie, weil sie ihn weggegeben hat, aber er liebt sie trotzdem.
„Mitleid wollen wir keines“, stellte einer der älteren Jugendlichen klar. Aber was dann? Vielleicht ja das, was sich Jugendliche in Deutschland genauso wünschen würden: Jemand, der ihnen zuhört. Jemand, der sie liebt. Und dass sie weiter auf die Erfüllung ihrer Träume hoffen können - wenigstens ein bisschen.
Und darüber staune ich noch heute: Mit vorher absolut Fremden habe ich in Rumänien über viel persönlichere Dinge gesprochen als mit den ganzen Kaffeetrink-Bekanntschaften in Deutschland.
-Richard Ott
Veröffentlicht am 08.09.05 12:10
