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01.09.05

Reisebericht von Peter Großmann

Peter Die zwei Wochen im Camp haben mich gestärkt, in Körper, Geist und Seele. Neben all der Plackerei, wie dem Wasserholen, den Bauarbeiten und der sportlichen Bewegung war es für mich eine sehr herzliche Erfahrung. Ich habe neue Freunde gewonnen und zum ersten Mal seit ich die Schule verlassen habe, das Gefühl gehabt, Teil einer großen, zusammen gehörenden Gruppe zu sein.

Ich glaube auch, ich bin mutiger geworden, neue Herausforderungen anzunehmen, mich beweisen zu wollen und anderen zu dienen. In meinem normalen Leben sitze ich viel am Computer und bin ein Waldläufer, ein Einzelgänger. Hier im Camp konnte ich zwar weiterhin ein Ruhepol sein, doch musste ich mich öffnen und in die Gruppe einfügen. Es nicht einfach, diese Erfahrung in Worte auszudrücken. Auch das Gefühl, ein neues Stück Heimat gewonnen zu haben. Dass ich die Armut gesehen habe, aber auch den Reichtum des Landes, seine fleißigen Menschen und die wunderschöne Natur.

Schon die Fahrt war ein Abenteuer. Ich liebe das Autofahren und war stolz, als zweiter Fahrer unseres Kleinbusses das erste Stück des Weges selbst zu fahren, bis in die Nacht hinein. Das gab mir von Anfang an das Gefühl, mit verantwortlich zu sein für unsere Gemeinschaft.

Während des Zeltlagers fand ich interessant, welche Rituale in der Gemeinschaft gepflegt wurden. Oft angeregt durch erfahrende Teilnehmer bildete sich Stück für Stück eine gemeinsame Kultur des Zusammenlebens. Es begann mit einer Vorstellungsrunde, in der wir im Kreis saßen und einander einen Ball zuwarfen, immer abwechselnd Deutsche zu Ungarn und zurück. Wer den Ball gefangen hatte, stand auf, nannte seinen Namen und wem er den Ball weitergeben würde. Ein anderes Kreisritual war das morgendliche Treffen vor dem Frühstück. Mit einem Lied oder einer Geschichte eröffneten wir den Tag. Abends saßen wir am Feuer und sangen Lieder, ungarische, deutsche und englische.

Über das Schutzengeln

Die alten Hasen des Camps werden schmunzeln, dass sich ein Neuling daran erfreuen kann. Einige der Mädchen hatten das Schutzengeln vorbereitet. Jeder zog ein Los mit dem Namen eines anderen, der dann sein Schutzbefohlener wurde. Wir sollten unserem Schützling besonders herzlich begegnen und so wurden fortan viele Freundlichkeiten ausgetauscht. Von den bekannten Freundschaftsbändern über die freiwillige Hilfe beim Küchendienst, Massagen nach dem anstengenden gemeinsamen Sportnachmittag oder einfach nur ein offenes Ohr zu haben für einander. Es durfte keiner wissen, wer sein Engel war, nur raten durfte man. Manche fanden es schnell heraus, andere lösten das Rätsel erst am letzten Abend.

Rosa Jungs und starke Schultern

Am Tag als die Ungarn eintrafen, zog sich die deutsche Gruppe abends zur Beratung zurück. Rüdiger, unser Leiter meinte, er wundere sich, wo denn der Bus mit den Mädchen geblieben sei. In der Tat waren die Jungs in der Mehrzahl, in der deutschen und in der rumänischen Gruppe. Einige von uns fühlten sich verunsichert ob der körperbezogenen Agressivität, die einige rumänische Jungs zeigten. Hier prallten Welten aufeinander, einerseits die nachdenklichen Deutschen aus bürgerlichem Elternhaus, mit behüteter Kindheit und andererseits die rumänischen Jugendlichen, von denen viele ihre Kindheit im Heim verbracht hatten und die die Ausgelassenheit einer Rasselbande an den Tag legten.

Die Verunsicherung legte sich in den folgenden Tagen schnell. Es war gut, dass uns Rüdiger zu einem besonders herzlichen Miteinander ermuntert hatte. Und es war wichtig, die Herausforderungen anzunehmen, die eine solche Situation mit sich brachte. Ich erinnere mich an eine Art Feuertaufe, als ich am dritten Abend von einigen ungarischen Jungs zum Armdrücken aufgefordert wurde und nicht gekniffen hatte, sondern sogar gewinnen konnte. Am nächsten Morgen hatte ich einige neue Freunde mehr.

Ein anderer Fakt trug zu einer sanften Atmosphäre bei, der mir erst später bewusst wurde. Es gab rumänische Jungs, die sich erkennbar nicht für Mädchen interessierten. In einem unserer Seminare lernten wir später, dass Homosexualität in den Zeit der Diktatur in Rumänien unter Strafe gestellt war. Hier war von diesem Klima des Verbotenen nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil, dieses ungewohnt feminine Verhalten empfanden wir als wohltuenden Gegensatz zum kraftstrotzenden Auftritt der Alpha-Männchen.

Das beliebteste Heilkraut

Am Morgen nach unserer ersten Übernachtung in Rumänien hatte ich im Kereszturer Kirchgarten ein paar Kräuter für mein Frühstück gesammelt. Sofort fand ich mich in der Rolle des Kräuteronkels wieder. Leider ohne Handbuch. Andreas meinte, Kräutersammeln ohne Bestimmungsbuch sei wie Singen ohne Noten. Zum Glück kannten wir einen Grundschatz. Und so war für mich einer der schönsten Nachmittage die Wanderung in kleiner Gruppe, um Wiesenkräuter für einen Salat zu sammeln. Wir hatten viel Freude daran, aus Brennnesseln und Löwenzahn, Kleeblättern und Schafgarbe, Knoblauch und Leinöl anschließend ein leckeres Pesto zu bereiten.

Das beste Kraut war jedoch ein anderes. Die Familie der Wegeriche diente nicht zum Essen, sondern als Allheilmittel zur Wundversorgung. Anzuwenden bei Schnittwunden, von denen es unter den aufopferungsvoll arbeitenden Helden so einige gab, bei Mückenstichen, Bremsenbissen und Rasierbrand. Man kann den Saft von Spitz- oder Breitwegerich mit den Fingern auspressen und ihn auf die betroffene Hautpartie streichen. Oder man kaut ein paar Blätter der Pflanze zu einem Brei, um damit die Wunde abzudecken. Wegerich hat blutstillende und keimtötende Eigenschaften. Einmal, beim Bau eines Wasserrads rutschte mir das Messer ab und schnitt mir eine tiefe Wunde ins Knie. Nach dem ersten Schreck pflückte ich ein paar Wegerichblätter, kaute sie zu einem Brei und stoppte damit die Blutung. Am nächsten Morgen war alles wieder heil, Wegerich sei Dank.

Alles hat ein Ende

So gingen die Tage ins Land. Kaum hatten wir uns so richtig eingelebt, feierten wir schon den Abschlussabend. Die Rückfahrt war noch einmal anstrengend und wir kamen nachts in strömendem Regen in Deutschland an. Am nächsten Abend feierten wir beim Matt unsere glückliche Heimkehr, bis dann wieder alle ihrer Wege gingen. Ich danke euch, liebe Freunde und hoffe, wir sehen uns bald wieder.

Veröffentlicht am 01.09.05 22:31